Erwin Patzen


Ausbildungsmethoden

Fährtenarbeit

 

 

Einleitung

Es reizt mich, einen Weg zu finden, um noch genauer und möglichst ohne Umwege in der Ausbildung weiter zu kommen.

Im Fährtenbereich konnte ich von meinem Ausbildner im Diensthundezentrum, Peter Bachmann, sehr viel lernen. Auch er verfolgte damals die Ausbildungsmethode über den Jagd/Beutetrieb. Hilfreich war auch das Buch von Manfred Müller "der leistungsstarke Fährtenhund". Ein Klassiker für alle, die sich für die Fährtenarbeit interessieren.

Mit diesen beiden Stützpfeilern und den wachsenden Erfahrungen im Dienst und Sportbereich konnte ich die Grundideen ständig verfeinern und bis zum heutigen Stand der Anforderungen anpassen.

Der heutige Sporthund soll (so verlangt es die Prüfungsordnung) dem Fährtenverlauf mit tiefer Nase, intensiv, ausdauernd und in möglichst gleichmässigem Tempo (abhängig von Gelände und Schwierigkeitsgrad) folgen.

Diese Anforderung ist hoch, kann aber nach meinem Konzept mit einem normal veranlagten Gebrauchshund und einem guten Hundeführer erreicht werden.

Selbstverständlich gilt auch hier das Sprichwort: "Viele Wege führen nach Rom...". Dieser Weg ist nicht der einzige, der zum Ziel führen kann. Aber es ist einer der mich mehrfach dahin geführt hat.

 

Das Geruchsbild

Gewisse Vorkenntnisse über das Bestreben und Lernen des Hundes sind für den Hundeführer unabdinglich. Ebenfalls hilfreich, nicht zuletzt für das Verständnis dafür, was der Hund auf der Fährte eigentlich sucht, ist der Aufbau einer menschlichen Fährte.

Das Geruchs-Bild setzt sich zusammen aus dem Individualgeruch, seinen Beigerüchen und dem Erd-Geruch mit seinen vielfältigen Komponenten. Alles zusammen ergibt die Fährte.

 

Die Geruchsintensität

Eine wichtige Grundlage für den Aufbau des Hundes auf der Fährte ist der zeitliche Ablauf der Geruchsverhältnisse auf dem Boden. Während der menschliche Geruch in der ersten Phase in etwa gleich bleibt, explodieren innerhalb der ersten halben Stunde die Duftstoffe aus Pflanzensäften förmlich und sacken dann ebenso abrupt wieder fast auf den Nullpunkt ab.
Anschliessend steigen die Erdgerüche wieder an und erreichen nach ca. 3 Stunden eine für etwa 5 Stunden stationäre Phase, während der menschliche Geruch langsam aber stetig absinkt.
Nach ungefähr 2 Stunden halten sich Erdgerüche und menschlicher Geruch in etwa die Waage.

Das Resultat einer Fährtenarbeit hängt sehr stark vom Unterscheidungsvermögen des Hundes in Bezug auf die Geruchsvielfalt ab. Es ist durchaus möglich, dass der Hund zwei sich kreuzende Fährten mit einer Zeitdifferenz von nur 3 Minuten voneinander unterscheiden kann.
Wenn einem das bewusst wird, sind Unsicherheiten bei der Verleitung kein Problem des Hundes!

 

Kleiner Exkurs in die Anatomie und kognitiven Fähigkeiten des Hundes

Im Hundehirn sind fast 10% der Hirnmasse für Gerüche zuständig, beim Menschen sind es gerade mal knappe 1%.
Hunde riechen "stereo", das heisst durch jedes Nasenloch separat und beim Ein- und Ausatmen.

Ein beeindruckendes Beispiel zum Splitting, so nennt man das Herausfiltern eines Geruchsbildes (z.B. eine einzelne Person), welches Teil eines ganzen Geruchsfeldes (z.B. einer Personengruppe) ist.

Beispiel:
Fünf Personen gehen auf einer Strasse nebeneinander etwa 100m weit. Dann splitten sie sich auf und schwärmen in verschiedene Richtungen aus um sich zu verstecken. Pyros mein ehemaliger Diensthund (Schutzhund und Mantrailer) war "Versuchskaninchen". Mit dem Geruchsbild eines persönlichen Gegenstandes der zu findenden Person, wurde er auf die Suche geschickt. Pyros zeigte bei allen Wiederholungen des Tests überzeugend, sicher und schnell den Weg zur "vermissten" Person.

Hunde nehmen Gerüche aber nicht nur über die Nase wahr sondern auch über das Jacobson-Organ, welches sich im Gaumendach befindet. Wenn ein Hund auf der Fährte sein Jacobson-Organ einsetzt zieht er den Mittelteil der Lefzen hoch, so dass er die Luft zwischen den Zähnen in den Gaumen hochziehen kann.
Das Jacobson-Organ transportiert die aufgenommene Information sofort an das Limbische System im Gehirn.
Im Limbischen System wird entschieden, welche Verhaltensweise auf ein Ereignis in der Umgebung ausgelöst werden soll. Es ist also quasi die Kommandozentrale und unter anderem für die Regulation von Emotionen, Motivation und innere Antriebe sowie die Hormonbildung verantwortlich.
Ebenfalls im Limbischen System befindet sich das "Belohnungszentrum", welches den Grad der Zufriedenheit und des Wohlbefindens steuert und damit eine zentrale Bedeutung für das Lernvermögen hat.
Basis-Gerüche wie z.B. eine läufige Hündin oder Fettsäuren auf Fährten von Beutetieren, werden nicht erst lange verarbeitet sondern sofort in Triebverhalten umgesetzt. Alle weiteren differenzierten Gerüche aber müssen im Laufe des Hundelebens erst erlernt, das heisst mit anderen Sinneseindrücken gekoppelt und verknüpft werden.

Je nachdem wie in der Prägungsphase eines Welpen gemachte Erfahrungen gewertet werden, entscheidet dieser Hirnteil im späteren Leben über die Reaktion des Hundes in bestimmten Situationen.

 

Aufbau der Fährte (Schleppfährte)

Die Schleppfährte basiert auf dem angeborenen Jagdverhalten. Dementsprechend erfolgt die Bestätigung mit Futter und/oder Ball-Beutespiel.

Am Anfang sollte darauf geachtet werden, dass das Gelände Wiese mit gutem Bewuchs oder weicher Acker ist und die Fährte auf keinen Fall im Gegenwind liegt.
In einer Flucht werden zwei hintereinander liegende Fährten von je ca. 15 Meter Länge und einem Abstand dazwischen von etwa 8-10 Meter gelegt. Am Abgang wird ein Dreieck getreten und als Motivation zwei bis drei Wurstrugeli hingelegt.
Nun wird die Fährte in kurzen Schritten gelegt, wobei das mit Futter gefüllte Netzchen an einer Schnur oder Leine zwischen den Beinen nachgezogen wird. Im Abstand von ungefähr 5 bis 6 Schritten kann eine kleine Bestätigung in einen Tritt gelegt werden. Mit einer kleinen Bestätigung ist 1 Wurstrugeli gemeint, das der Hund schnell und ohne gross aus seiner Arbeit gerissen zu werden aufnehmen kann.

Beim Legen der Fährte soll der Hund zusehen können. Am besten ist es, wenn er die Machenschaften seines Chefs vom Auto aus beobachten kann. Falls das nicht möglich ist, kann er auch rausgebunden werden. Dabei ist zu beachten, dass er möglichst wenig abgelenkt wird. Weder von Drittpersonen noch von Umwelteinflüssen (vorbeifahrende Autos, andere Hunde, etc.).

Um den Hund auf sich und auf das was er tut aufmerksam zu machen, soll der Hundeführer ihm immer wieder motivierend zurufen.

Am Ende der zweiten Fährte bleibt der Hundeführer für etwa 10 Minuten ruhig stehen. Auch während dieser Zeit darf der Hund von niemandem abgelenkt werden. Er soll seine ganze Aufmerksamkeit auf das richten können, was sein Führer da draussen macht. Solange der Hund in irgendeiner Weise Interesse bekundet, soll sich der Hundeführer ruhig verhalten. Nur wenn der Hund sich abwendet und anfängt, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, kann sich der Hundeführer durch Zurufen erneut interessant machen.

Anschliessend wird der Hund ohne ihn anzusprechen etwa einen Meter vor den Abgang geführt, dort "angeschirrt" und mit einem auffordernd motivierenden "Such" zum Abgang geführt. Ein Konkurrenzschnüffeln des Hundeführers kann dabei oft Wunder bewirken.
Der Hund wird sich für die Abgangsmotivation interessieren und anschliessend diesem Schleppgeruch folgen (Appetenzverhalten).

Um von Anfang an eine Verknüpfung des Suchkommandos anzuregen, sollte dieses während dem Ausarbeiten häufig wiederholt werden.

Am Schluss der ersten Fährte gibt es eine Futterbestätigung vom Hundeführer. Aber nur so viel, dass der Hund daran interessiert bleibt, es auf der zweiten Fährte noch besser zu machen. Und vor allem ohne überschwängliches Lob, welches dem Hund ein falsches Signal vermitteln und ihn aus seiner "Arbeitseinstellung" reissen würde. Ein einfaches "gut" genügt!

Ruhig und ohne grossen Unterbruch geht es dann weiter auf die zweite Fährte, um das Prozedere der ersten Fährte zu wiederholen. Mit einer Ausnahme: Am Ende dieses zweiten und letzten Teils der Aufgabe darf der Hund nach der Futterbestätigung aus seiner Arbeit gelöst und ausgiebig gelobt und mit Ball/Beutespiel verwöhnt werden.

Diese kurz aufeinander folgenden Wiederholungen haben sich für den Einstieg in die Fährtenarbeit bewährt. Der Hund verknüpft meist schon nach wenigen Arbeiten das, was der Hundeführer von ihm erwartet mit dem, was er tun muss, um sein grösstmögliches Wohlbefinden zu erreichen. Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie schnell ein Hund diese Zusammenhänge erkennt und dies auch durch das gewünschte Verhalten zeigt.

Am einfachsten ist dieser Einstieg in die Fährtenarbeit natürlich beim Welpen. Solche Übungen im prägendsten Alter werden schnell verinnerlicht und können auch im späteren Verlauf der Ausbildung immer wieder abgerufen und zum Beispiel als Basis für eine Korrektur einer bestimmten Ausbildungssequenz genutzt werden. Aber auch hier gilt:"...es ist nie zu spät!" Auch ältere Hunde können mit dieser Methode zum Erfolg geführt werden.

Nach einigen stabilen Wiederholungsfährten kann dann auf eine, dafür aber etwas längere, Fährte umgestiegen werden.

 

Führen mit zwei Leinen

Ab diesem diesem Zeitpunkt führe ich mit zwei Leinen. Damit kann dem vierbeinigen Fährtenneuling Stabilität und Sicherheit vermittelt werden. Auf diese Art und Weise führe ich den Hund nun über Schleppfährten durch alle vier Jahreszeiten.

Mit fortschreitendem Ausbildungsstand des Hundes kann die Liegezeit der Fährten bis auf 3 Stunden ausgedehnt und sukzessive alle möglichen Bodenbeschaffenheiten mit einbezogen werden. Wiese, Acker, Wald etc., einfach Alles und bei verschiedensten Witterungsbedingungen.
Video: Bora beim Fährten mit 11 Wochen

 

Die Gegenstandsarbeit

Nach einigen Fährten kann am Schluss ein mit Futter gefüllter Gegenstand hingelegt werden. Eine gute Gelegenheit, um verbunden mit positiver Bestätigung mit den Verweisübungen zu beginnen. Am einfachsten geht das bei Welpen, indem dieser über die Leine leicht blockiert und der gefüllte Gegenstand gleichzeitig etwas nach vorne geschoben wird. Der Hund wird sich, weil es physikalisch am einfachsten ist, hinlegen und versuchen, die Verlockung mit der Schnauze zu erreichen. Ein Kommando ist zu diesem Zeitpunkt noch verfrüht. Erst einmal soll er nur lernen, dass durch Hinlegen der Leinendruck aufhört und er sofort die ersehnte Belohnung aus dem Gegenstand erhält.
Bei dieser Gegenstandsarbeit können die Hilfen schon sehr bald abgebaut und durch Ersatzbestätigungen ersetzt werden.

 

Die Winkelarbeit

Nach sauberen Arbeiten auf den Geraden kann mit leichten Schlangenlinien begonnen werden. Diese werden nach und nach immer enger gelegt; es folgen kleine Bogen und als Krönung der spitze Winkel.

Anfängliche Hilfestellung beim Legen, durch kleinere festere Schritte, ist erlaubt. Beim Ausarbeiten jedoch sollten möglichst keine Hilfen gegeben werden, um den Hund nicht von Leine oder Kommandos abhängig zu machen. Im Aufbau darf die Fährte immer nur um so viel schwieriger werden, dass der Hund uns den Weg zeigen kann. Ein Hund im Stress ist nicht lernfähig.

 

Geländewechsel, Witterung und Substanz

Ein Hund mit stabilem Aufbau (2-5 gute Trainingseinheiten pro Woche) sollte mit 1-jährig eine gute Idee der verschiedensten Bodenbeschaffenheiten und Wetterbedingungen haben. Jetzt geht es darum, das Gelernte zu intensivieren und zu festigen. Als Ausdauertraining kann nun das Alter der Fährte ab und zu auch etwas mehr als 3 Stunden betragen.

 

Die Vorteile dieser Aufbauarbeit kurz zusammengefasst

-Die Nutzung des Jagdtriebs ist die natürlichste Art dem Hund über den Sättigungdrang das Suchen beizubringen.
-Durch positive Belohnung verknüpft der Hund schnell, dass der Weg das Ziel ist und wird freudig über die Trittsuche arbeiten.
-Die Geschwindigkeit kann über genaues Ausarbeiten von Konzentrationsübungen und variantenreiche Fährten gesteuert werden.
-Eine Verbesserung der Zuverlässigkeit kann über die Methodik der "positiven und negativen Belohnung" erreicht werden.
-Der Hund kann nicht zum falschen Zeitpunkt durch Auffinden von Futter bestätigt werden.
-Der Hund kann langsam an Schwierigkeiten gewöhnt werden.
-Verleitungen sind kein Thema, weil der Hund gelernt hat exakt dem Geruchsbild am Abgang zu folgen.
-Der Schleppfährtengeruch ist immer dabei und nimmt zusammen mit den anderen Gerüchen mit zunehmender Fährtenliegezeit ab.
-Wird der Schleppfährtengeruch nach einem Jahr weggelassen, wird der Hund ihn nicht vermissen, weil er dann mehr als genug andere Bestandteile des Geruchsbildes zur Verfügung hat.
-Bei Problemen kann auch zu einem späteren Zeitpunkt ohne weiteres wieder zur Schleppe gegriffen werden. Ich mache dies ab und zu auch bei ausgebildeten Hunden; entweder als Abwechslung oder zur Stabilisierung bei allfällig neuen, schwierigen Herausforderungen.

 

Ein gutes Training beinhaltet

-Bewusstes Arbeiten mit Fährtenkontrolle.
-Objektive Beurteilung des Ausbildungsstandes des Hundes und der eigenen Handlungsweise.
-Richtiges Einschätzen der Stärken und Schwächen vom Hund und der eigenen Person.
-Durchdachtes und konsequentes Angehen der Probleme (nicht umgehen und weder kaschieren noch beschönigen).
-Auf Unregelmässigkeiten des Hundes schnell, richtig und angemessen reagieren.
-Variantenreich bleiben.
-Dem Ausbildungsstand entsprechendes Fordern des Hundes in allen Belangen.
-Sich Zeit nehmen und dem Hund die Gelegenheit bieten, das gewünschte Verhalten quasi selber zu erfinden. Dabei kann ein wenig Frustration als hervorragender Antrieb genutzt werden. Der Hund möchte etwas haben und muss nun herumexperimentieren, auf welchem Weg er es erreichen kann. Hat er es herausgefunden, ist es auch bereits schon fast in sein Repertoire eingebunden. Durch Wiederholungen wird es zum Automatismus und kann dann zuverlässig abgerufen werden.
-In einer bereits bekannten aber noch im Detail zu übenden Sequenz, immer absolute Präzision verlangen.
-Dem Hund die Möglichkeit geben zu lernen, wie er Probleme selbständig lösen kann.

 

Resultat

Das Resultat einer erfolgreichen Ausbildung zeigt im Idealfall einen Hund der selbständig, intensiv und genau sucht. Einen Hund der gelernt hat, unbekannte Herausforderungen ruhig anzunehmen und in der Lösungsfindung sicher und stabil zu bleiben.
Ein Team das durch hohe Arbeitbereitschaft und Präzision besticht und dem Zuschauer/Richter das Gefühl der Harmonie vermitteln kann.
Video: Aly auf der Freifährte

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Material

 

Schleppfährte im Aufbau:
-normales Halsband und Leine ca. 3m
-Wurst und Dosenfutter
-Netzchen
-Eine Schnur oder Leine
-Zwei Abgangsmarkierungen
-Einen Gegenstand oder Dose
-Fährtenkontrolle

 

Schleppfährte und 2 Leinen:
-Gliederhalsband
-2 Leinen je ca. 3m
-Wurst und Dosenfutter und/oder Ball
-Gegenstände
-Netzchen
-Eine Schnur oder Leine
-Eine Abgangsmarkierung
-Fährtenkontrolle